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Auf einen Blick
Seit der Festnahme Maduros im Januar 2026 bereitet die kubanische Diaspora so konkret wie nie einen Systemwechsel auf der Insel vor, und seit September liegt mit dem Harvard-Bericht erstmals auch ein akademischer politischer Fahrplan vor. Sechs Stränge greifen ineinander: Milliardär Jorge Mas Santos und die Cuban American National Foundation stellen 90 Milliarden Dollar Diaspora-Kapital für drei Jahre in Aussicht; eine Handelskammer in Miami arbeitet in 14 Feldern von Börse über Energie bis Gesundheit; Architekt Willy Bermello plant acht Flughäfen für acht Milliarden; kubanisch-amerikanische Juristen haben einen Gesetzesentwurf für eine zweijährige Übergangsregierung vorgelegt; eine Harvard-Arbeitsgruppe um Alejandro de la Fuente und Steven Levitsky schlägt Amnestie, Verfassungsversammlung und soziale Marktwirtschaft vor; und in der Eigentumsfrage zeichnet sich quer durch die Lager ab, dass die heutigen kubanischen Wohnungseigentümer geschützt bleiben sollen. Gebremst wird der Aufbruch durch Washington: Der Zeitplan rutscht Richtung 2028, neue OFAC-Sanktionen seit dem 30. September treffen auch europäische Banken, und in Venezuela zeigt sich, dass die US-Regierung Öl- und Immobiliendeals vor demokratische Wahlen stellt. Für europäische Investoren heißt das: Die Spielregeln eines künftigen Kuba werden jetzt geschrieben, und wer heute Strukturen aufbaut, ist im Fall eines Wandels Beteiligter statt Zuschauer.
Zwei Zukunftsentwürfe für dieselbe Insel
Viele Kubaner und auch viele Beobachter in Europa dürften unterschätzen, wie weit diese Vorbereitungen bereits gehen. In den USA wird längst nicht mehr nur über einen möglichen Wandel diskutiert. Unternehmer kalkulieren Investitionen in Milliardenhöhe, Juristen entwerfen Übergangsgesetze, Architekten planen Flughäfen, Wirtschaftsfachleute beschäftigen sich mit Energieversorgung und Kapitalmarkt, und Harvard-Experten haben einen politischen Fahrplan für eine Transition vorgelegt. Schon heute fließen erhebliche private Mittel, Zeit und Fachwissen in die Vorbereitung eines möglichen Kuba danach.
Parallel dazu verfolgt Havanna eine ganz andere Strategie: den Erhalt der bestehenden Machtstrukturen durch wirtschaftliche Anpassungen, neue Investitionsmodelle und eine kontrollierte Öffnung.
Doch genau an dieser Stelle wird es interessant. Beide Zukunftsentwürfe müssen sich nicht erst nach einem vollständigen politischen Bruch begegnen. Kontakte, wirtschaftliche Interessen und Modelle eines verhandelten Übergangs deuten darauf hin, dass zwischen der bestehenden Ordnung und den außerhalb Kubas vorbereiteten Strukturen bereits heute Berührungspunkte entstehen könnten.

Abb. 1: Zwei Zukunftsentwürfe für dieselbe Insel. Havanna setzt auf den Erhalt des Systems durch kontrollierte Öffnung, Miami und Harvard arbeiten an Gesetzen, Infrastruktur und Institutionen für den Tag danach. (Symbolbild, KI-generiert)
Juan Omar Sixto, 82, einst Tabakbauer in Pinar del Río, heute Makler in Miami, hat im Frühjahr eine Handelskammer für dieses Kuba gegründet. Sein Satz dazu ist so schlicht wie die Stimmung, die er beschreibt: „Wir haben 67 Jahre gewartet. Wir müssen anfangen.“ Der BBC sagte er Anfang Oktober: „Wir sind bereit, sofort zu gehen.“
Strang 1: Das Kapital – 90 Milliarden für drei Jahre
Die zentrale Figur ist Jorge Mas Santos, Vorsitzender des Baukonzerns MasTec, Miteigentümer von Inter Miami CF und Präsident der Cuban American National Foundation (CANF), die sein Vater 1981 gründete. Mas ist eng mit Außenminister Marco Rubio verbunden und hat sein Vermögen im April öffentlich „in den Dienst eines freien Kuba“ gestellt. Seine Rechnung: Rund 90 Milliarden US-Dollar braucht es, um die Insel in den ersten drei Jahren nach einem Systemwechsel zu stabilisieren. Die Diaspora könne „multibillions“ aufbringen; angesichts der Vermögen kubanischer Familien in Florida, New Jersey und Texas sei das „child's play“.
Der Rahmen wurde im März gesetzt, als rund 50 südfloridianische Unternehmer aus Einzelhandel, Immobilien, Fertigung, Tabak und Autohandel eine Investitionsproklamation an Rubio unterzeichneten. Ihre Bedingungen: demokratische Regierung, durchsetzbare Eigentumsrechte, unabhängige Streitbeilegung, gültige US-Lizenzen und Bankkanäle, Einhaltung des Helms-Burton-Gesetzes. Erst Rechtsstaat, dann Geld.

Abb. 2: 90 Milliarden Dollar für drei Jahre. Die kubanische Diaspora in Miami stellt Kapital, Netzwerke und Fachwissen für einen möglichen Neustart in Aussicht, unter der Bedingung: erst Rechtsstaat, dann Geld. (Symbolbild, KI-generiert)
Strang 2: Die Handelskammer – 14 Felder von der Börse bis zur Gesundheit
Sixtos Cámara Nacional de Comercio Cubano-Americana, die er mit seinem Bruder Rafael führt, zählt über 30 Unternehmerfamilien und will auf 100 wachsen. Die BBC hat Anfang Oktober ihre 14 Arbeitsfelder veröffentlicht: Landwirtschaft, Bankwesen, Energie, Infrastruktur, Gesundheit, Bildung, Technologie, Börsenregulierung, Rechnungswesen, Anlegerschutz, Wertpapierhandel, Wertpapierverwaltung, Restitution und Entschädigung sowie Verifizierung von Eigentumstiteln. Am weitesten gediehen ist die Börsenidee: Die Marke „Bolsa Cubana de Valores“ wurde am 27. Juni in den USA eingetragen; der Aufbau eines Kapitalmarkts in Havanna wird auf drei bis fünf Jahre veranschlagt.
Für den Stromsektor, der mit acht landesweiten Blackouts allein in diesem Jahr das dringendste Problem der Insel ist, kalkuliert die Kammer fünf bis acht Milliarden Dollar über drei bis fünf Jahre; als Sofortmaßnahme werden schwimmende Kraftwerke diskutiert. Als Partner nennt Sixto die Namen, die ihm „in den Sinn kommen“: NextEra Energy, Muttergesellschaft von Florida Power & Light und weltweit größte Erzeugerin von Wind- und Solarstrom; Duke Energy aus Charlotte mit rund acht Millionen Kunden im Südosten der USA; Constellation Energy aus Baltimore, Betreiberin der größten Kernkraftflotte des Landes. Bestätigte Gespräche gibt es nicht, aber die Auswahl zeigt die Richtung. In der Landwirtschaft sind mit C.L.E. Cigars (Tabak in Pinar del Río) und Iguana Coo Fresh Foods (KI-gestützte Fruchtlogistik) erste Partner benannt. Zum Gesundheitswesen heißt es im Programm wörtlich „eine Gesundheitsstrategie mit gemischtem Modell, um Versorgungsqualität zu garantieren“, gemeint ist ein Nebeneinander von öffentlicher und privater Versorgung anstelle des rein staatlichen Systems, das Kuba jahrzehntelang als Aushängeschild diente und heute an Medikamenten- und Personalmangel leidet. Als Finanzierungspartner nennt Sixto IWF, Weltbank, die Interamerikanische Entwicklungsbank und die großen US-Banken Chase, Citibank, Bank of America und Wells Fargo.
Strang 3: Die Infrastruktur – acht Flughäfen, 375 Milliarden Gesamtbedarf
Willy Bermello, 75, Architekt in Miami, hat ein Programm für die Modernisierung von acht Flughäfen vorgelegt, von Havanna über Varadero, Holguín und Cayo Coco bis Santiago de Cuba, Volumen rund acht Milliarden Dollar, finanziert aus den Erträgen der Flughäfen selbst. Ohne Flughäfen kein Tourismus, ohne Tourismus keine schnellen Devisen. Ein Expertenforum um Rafael Romeu (Association for the Study of the Cuban Economy) und den Energieexperten Jorge Piñón (University of Texas) hat im Juli den Gesamtbedarf auf 275 bis 375 Milliarden Dollar über zehn bis fünfzehn Jahre beziffert: 180 bis 270 Millionen für die ersten 180 Tage, fünf bis acht Milliarden für Energie, rund acht Milliarden für Wasser und Abwasser. Piñóns Urteil über die Kraftwerke: „abgenutzt, veraltet, schlechte Technologie“.

Abb. 3: Acht Flughäfen für acht Milliarden. Von Havanna bis Santiago de Cuba denken Planer und Investoren Infrastruktur als Türöffner für Tourismus, Handel und Devisen. (Symbolbild, KI-generiert)
Strang 4: Der Rechtsrahmen – zwei Jahre bis zu Wahlen
Die Cuban American Bar Association arbeitet mit Mas an einem 28-seitigen Gesetzesentwurf für eine provisorische Regierung: über hundert Artikel zu Menschenrechten, Wirtschaft und institutionellem Übergang, eine Übergangsverwaltung von maximal zwei Jahren, deren Aufgabe der Abbau repressiver Strukturen und die Vorbereitung freier Wahlen ist. Diskutiert wird die temporäre Wiederherstellung der Verfassung von 1940. Parallel haben die Asamblea de la Resistencia Cubana und Rosa María Payás Pasos de Cambio im April ein „Liberation Agreement“ unterzeichnet: ein 51-köpfiger Übergangsrat, zwei Jahre ohne Wiederwahl und, bemerkenswert, eine Mehrheit von Ratsmitgliedern von der Insel selbst.
Strang 5: Harvard – der Fahrplan für eine verhandelte Transition
Am 10. September hat eine Arbeitsgruppe der Harvard University ihren „Report on the Future of Cuba“ vorgelegt, erarbeitet über sechs Monate vom Cuba Studies Program des David Rockefeller Center und dem Afro-Latin American Research Institute, koordiniert vom Historiker Alejandro de la Fuente und dem Politologen Steven Levitsky mit 14 kubanischen und internationalen Experten. Die Diagnose ist schonungslos: Das BIP ist von 2019 bis 2024 um elf Prozent gefallen, die Zuckerproduktion um 87, die Agrarproduktion um 58, die Fleischproduktion um 97 Prozent. Die Vorschläge: eine bedingungslose Amnestie für die über 1.300 politischen Gefangenen, eine verfassunggebende Versammlung, eine „soziale Marktwirtschaft“ mit verschiedenen Eigentumsformen „ausdrücklich einschließlich Privateigentum“, und für konfiszierte Güter „transparente, international anerkannte Verfahren“, die Exilkubaner und Inselbewohner gleichermaßen berücksichtigen. Kuba wird als „transnationale Nation“ definiert, deren Diaspora Kapital, Fachwissen und Netzwerke einbringt.
Der entscheidende Unterschied zu Miami liegt im Weg dorthin: Harvard will, dass die jetzigen Behörden „die Initiative ergreifen und als Vermittler“ eines Übergangs fungieren, verbunden mit einer sofortigen Lockerung der US-Sanktionen. Der Ökonom Pedro Monreal, Mitautor des 120-seitigen Wirtschaftsprogramms „Cuba Transformación“, nennt beide Papiere „unterschiedliche und komplementäre Teile“: das eine der ökonomische Rahmen, das andere die konkreten politischen Schritte. Der Biologe und frühere politische Gefangene Ariel Ruiz Urquiola hält dagegen: „Eine Verhandlung ersetzt keine Transformation der Macht.“ Solange das Regime Waffen, Institutionen und Wirtschaft kontrolliere, könne es sich durch einen Übergangsprozess hindurchretten. Damit ist die Debatte vollständig: Miami plant den Tag nach dem Zusammenbruch, Harvard den Weg ohne Zusammenbruch, und beide rechnen mit denselben Sektoren und demselben Kapital.

Abb. 4: In Cambridge entsteht der politische Fahrplan. Amnestie, Verfassungsversammlung, soziale Marktwirtschaft: Der Harvard-Bericht setzt auf eine verhandelte Transition statt auf den Bruch. (Symbolbild, KI-generiert)
Strang 6: Eigentum – warum Kuba nicht die DDR ist
Die Eigentumsfrage gilt als die härteste Nuss jeder Transition, und sie hat 2026 mehr Bewegung erlebt, als die Schlagzeilen vermuten lassen. Bei der US-amerikanischen Foreign Claims Settlement Commission wurden 8.821 Ansprüche eingereicht und 5.913 anerkannt, ursprünglich mit 1,9 Milliarden Dollar bewertet, mit Zinsen heute über neun Milliarden. Im März erklärte Vizeaußenminister Carlos Fernández de Cossío erstmals, Havanna sei zu einer Pauschalentschädigung bereit, allerdings nur im Rahmen eines Gesamtabkommens inklusive Sanktionsaufhebung. Orlando Gutiérrez von der Asamblea de la Resistencia nannte das „lächerlich“. Ernst zu nehmen ist dennoch, dass das Thema überhaupt auf dem Tisch liegt.
Wer hier reflexhaft an Ostdeutschland denkt, an „Rückgabe vor Entschädigung“, über zwei Millionen Anträge und jahrelang blockierte Grundstücke, übersieht den entscheidenden Unterschied. In der DDR waren die Bewohner überwiegend Mieter: Der Wohnungsbestand gehörte kommunalen Wohnungsverwaltungen oder Genossenschaften, und Restitution bedeutete für die meisten Menschen einen Vermieterwechsel, nicht den Verlust des eigenen Hauses. In Kuba ist es umgekehrt. Bereits die Ley de Reforma Urbana von 1960 machte Mieter zu Eigentümern, die ihre Wohnung in Raten vom Staat kauften; die Ley General de la Vivienda von 1984 schrieb das fest, und Ende der 1980er lag die Eigentumsquote bei knapp 90 Prozent. Seit Raúl Castros Reform von 2011 werden Wohnungen frei gekauft und verkauft, mit Titeln, Notaren und Marktpreisen. Die neue Ley de Vivienda von 2026 verschärft zwar den staatlichen Zugriff auf verlassene Häuser, tastet das Privateigentum der Bewohner aber nicht an. Eine Rückgabe an Alteigentümer wäre in Kuba also keine Korrektur, sondern eine zweite Enteignung: Sie träfe Familien, die ihr Haus seit zwei oder drei Generationen rechtmäßig besitzen, bezahlt haben und in vielen Fällen von einem Vorbesitzer gekauft haben, der es seinerseits rechtmäßig erworben hatte.
Bemerkenswert ist, dass sich diese Einsicht inzwischen als Konsens abzeichnet, quer durch die Lager. Nicolás Gutiérrez, Präsident der Asociación Nacional de Hacendados und Anwalt von rund tausend Anspruchsfamilien, hat am 18. September einen Plan vorgelegt, dessen Kernsatz lautet: „Wer in diesen Häusern lebt, muss Schutz und Bleiberecht behalten“, unabhängig davon, wie die Wohnung einst zugeteilt wurde. Sein Fokus liegt auf landwirtschaftlichen und industriellen Flächen, die in Staatshand geblieben sind; für Wohnhäuser sieht er ein Verwaltungsgericht mit festen Fristen und Entschädigung vor. Schon 2006 hatte Jaime Suchlicki vom Cuba Transition Project der University of Miami formuliert, Geschäftsimmobilien sollten „wenn möglich zurückgegeben“, Wohnhäuser hingegen „in irgendeiner Form entschädigt“ werden. Die ASCE-Forschung zur Osteuropa-Erfahrung kommt zum selben Schluss, der Harvard-Bericht fordert Verfahren, die „beide Seiten“ berücksichtigen, und die Kammer führt „Verifizierung von Eigentumstiteln“ als eigenes Arbeitsfeld. Wer heute in Kuba ein Haus besitzt, hat aus Miami also weniger zu befürchten, als die Propaganda Havannas seit Jahrzehnten behauptet. Offen bleibt die Finanzierungsfrage: Ein Entschädigungsfonds für hunderttausende kubanische Alteigentümer ist in keiner der 90-Milliarden-Rechnungen enthalten.
Der Widerspruch: Miami plant für Kubaner, Washington verhandelt mit Havanna
Aufbruchstimmung heißt nicht Naivität, und der ehrlichste Teil dieser Geschichte ist ein Widerspruch. Die Exilpläne haben ein gemeinsames Merkmal: Sie stellen den Systemwechsel an den Anfang. Erst Rechtsstaat, erst freie Wahlen, erst Eigentumsrechte, dann Kapital. Die Kammer formuliert es so: „Wir setzen keinen Fuß nach Kuba“, solange es keinen rechtlichen Schutz für private Unternehmen gibt. Und die Pläne wollen die Kubaner auf der Insel beteiligen, mit Bleiberecht, Entschädigungsgerichten, transparenten Ausschreibungen und unabhängigen Audits.

Abb. 5: Wo sich alte und neue Ordnung treffen. Kontakte, wirtschaftliche Interessen und Modelle eines verhandelten Übergangs könnten Havanna und die Planer außerhalb Kubas früher verbinden als erwartet. (Symbolbild, KI-generiert)
Die Guardian-Recherche vom 17. September zeigt eine andere Logik. Executives der Dominari Holdings, an der Donald Trump Jr. und Eric Trump beteiligt sind, trafen Raúl Castros Enkel Raúl Guillermo Rodríguez Castro, um Hotelimmobilien zu sondieren, die spanische Ketten nach ihrem Rückzug hinterlassen. Zwei US-Bieter konkurrieren um die Nickel- und Kobaltanlagen von Sherritt. Eine Lobbyfirma ehemaliger Rubio-Mitarbeiter arbeitete kurzzeitig für einen Lebensmittelkonzern mit GAESA-Verbindungen. Und derselbe Rodríguez Castro ist laut Axios seit Februar Rubios Gesprächspartner in Geheimkontakten, die an den offiziellen Kanälen Havannas vorbeilaufen. Hier geht es nicht um den Tag nach dem Regime, sondern um Deals mit dem Regime, um Positionen, die man sich vor dem Wandel sichert, damit man ihn nicht mehr braucht.
Venezuela zeigt, wohin das führen kann. Acht Monate nach Maduros Festnahme regiert seine frühere Vizepräsidentin Delcy Rodríguez als Übergangspräsidentin, über 300 politische Gefangene sitzen weiter ein, ein Wahltermin ist nicht genannt. Am 5. September unterzeichnete Washington ein Ölabkommen, das US-Unternehmen die Mehrheitskontrolle über 65 Milliarden Barrel Reserven sichert. Trumps Kommentar zu Wahlen: „Ich denke einfach, sie sind noch nicht bereit.“ Oppositionsführerin María Corina Machado warnt, wirtschaftliche Entwicklung sei „ohne solide Institutionen und eine vom Volk gewählte Regierung unmöglich“, vermeidet aber jede Kritik am Abkommen. Der gesellschaftliche Wandel, so lässt sich Venezuela lesen, steht für die US-Administration nicht an erster Stelle; Zugang zu Ressourcen schon.
Zugleich zieht Washington die Schrauben an. Am 5. Oktober richtete Rubio bei Fox News eine Botschaft direkt an das kubanische Militär: Wer „derzeit die Waffen kontrolliert“, möge „die Augen für die Realität öffnen“, begleitet von verstärkter US-Marinepräsenz in der Karibik. Havanna antwortete am Tag darauf, man sei „nicht naiv“, es gebe keine Verhandlungen, nur „Kommunikationskanäle“. Der 86-jährige Tony Costa bringt die Sorge der Diaspora auf den Punkt: „Sie haben das Ziel nicht geändert, aber die Torpfosten verschoben.“ Rubio spricht von „keiner Miniserie mit drei Folgen“, 14ymedio berichtet von einem Horizont bis 2028, und der Iran-Krieg bindet Washingtons Aufmerksamkeit. Die Frage ist nicht mehr nur, ob der Wandel kommt, sondern ob die Diaspora dann noch am Tisch sitzt oder ob andere längst Platz genommen haben.
Was das für europäische Investoren bedeutet
Man kann diese Planungen als Wunschdenken abtun. Man kann sie aber auch als das lesen, was sie sind: die detaillierteste Vorbereitung auf einen kubanischen Übergang, die es je gegeben hat, getragen von Menschen mit Kapital, Fachwissen und politischem Zugang, und im Kern von der Idee, dass die Kubaner auf der Insel am Erfolg beteiligt sein müssen. Die Sektorprioritäten sind in Miami wie in Cambridge dieselben: Energie, Flughäfen, Wasser, Kapitalmarkt, Banken, Landwirtschaft, Wohnungsbau, Gesundheit. Die Reihenfolge ebenso: erst Rechtssicherheit, dann Investition.
Kurzfristig wird es allerdings schwieriger, nicht leichter. Die am 30. September in Kraft getretene OFAC-Regelung beendet die sogenannten U-Turn-Transaktionen über US-Banken, verbietet Konten für kubanische Privatunternehmer, streicht die Lizenz für berufliche Konferenzen auf der Insel und droht ausländischen Finanzinstituten Sanktionen an, wenn sie „bedeutende Transaktionen“ mit gesperrten Personen abwickeln. Europäische Investoren müssen ihre Zahlungswege und Bankpartner jetzt neu prüfen.
Für Unternehmen, die heute nach dem Decreto 153 und der Resolución 78 investieren, ergibt sich daraus eine doppelte Perspektive. Wer jetzt Strukturen aufbaut, Partner kennt und Genehmigungen hält, ist im Fall eines Wandels nicht Zuschauer, sondern Beteiligter, und zwar unabhängig davon, ob der Wandel nach dem Drehbuch von Miami, dem von Harvard oder dem von Caracas verläuft. Und wer alle drei Drehbücher kennt, weiß, mit welchen Standards, Sektoren und Akteuren er dann rechnen muss. Sixto, Mas, Bermello, de la Fuente und Levitsky planen für den Tag danach. Es spricht einiges dafür, dass europäisches Kapital dann nicht bei null anfangen sollte.
Quellen: Wall Street Journal (21.9.2026), The Guardian (17.9.2026), BBC Mundo (5.10.2026), Harvard DRCLAS (10.9.2026), OFAC (30.9.2026), NPR (5.9.2026), Axios/Fox News (18.2.2026), Martí Noticias, 14ymedio, CiberCuba, Diario de Cuba, CubaNet/Periódico Cubano, elTOQUE, CBS Miami, ASCE, Commonweal, Cuba en Miami, Latin Times, Voz, UPI.
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